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Urlaubsrundbrief für den Sommer 2008

Liebe Freunde,

endlich ist es soweit; nach einer ereignisreichen Zeit und vielen Terminen finde ich Raum und Muße, um mich hinzusetzen und endlich den Sommer revuepassieren zu lassen, der eigentlich keiner war, und aufzuschreiben, was uns alles so widerfahren ist. (Ich weiss, dass es einige in unserem Freundeskreis gibt, die diesem jährlichen „Ereignis“ immer mit Spannung entgegensehen.)

Nun, wie gesagt, der Sommer war keiner, jedenfalls nicht hier im guten alten Éire.
Begonnen hatte es gut: John hatte, wie immer, in der uns verwöhnenden Frühlingssonne schnell Farbe bekommen, sodass ich mir mal wieder meine Bemerkung nicht verkneifen konnte, dann könnten wir ja das Geld für die Urlaubsreise sparen…
Dass das mit der Sonnenbräune auch noch andere Bewandnisse hatte, und dass die Urlaubsreise dann wirklich vonnöten war für unser Seelenheil, werdet Ihr noch lesen.

Und dann kam der Regen ... und ging nicht mehr weg. Jeden Morgen schauten wir in einen trüben Himmel, an dem die Wolken sich jagten. Tage- und wochenlang gab es Dauerregen. Die Schnecken ersoffen im hohen Gras. Irland war ein Schwamm, zum Bersten voll mit HazweiOh.
Eine beliebte Floskel der Wetterleute im Fernsehen war: „Der Regen wechselt über in Schauer...“ oder umgekehrt. Nur um mal eine Änderung ansagen zu können.
Fakt ist, dass dies der schlimmste, verregnetste Irische Sommer seit 50 Jahren war; jedenfalls seit Aufzeichnung des Wetters bzw. seit der Steinzeit ... Und das kam nach dem vorigen Sommer, der auch schon als der damals mieseste in die Annalen einging, hier nicht sehr gut an. Von Glück konnten wir sagen, dass um meinen Geburtstag herum, als wir liebe Freunde zu Besuch hatten, das Wetter ausnahmsweise mal mitspielte, und auch der eine oder andere Sonnenstrahl sich blicken liess. Danach aber war wieder alles beim grauen verregneten Alten ... und so sollte es bleiben, Woche für Woche ...

Auf der anderen Seite fing gerade die Rezession an, um sich zu greifen, und so sassen die Reisebüros, die sich angesichts des Regens schon die Hände gerieben hatten, auch irgendwie im Regen, auf jeden Fall sassen sie fast untätig herum. Denn keiner hier wagte mehr, Geld auszugeben für den Luxus des Reisens. Die Preise für Heizöl, Gas, Benzin, Milch, Brot, überhaupt Lebens-Mittel, taten das Übrige.

Wie gut also, dass wir diesen Punkt finanzseitig sozusagen „in der Tasche“ hatten. Das Geld war zusammengespart, um auf unsere Trauminsel Kephallonia zu fahren, und angesichts der auch weiterhin dominierenden Tiefdruckgebiete, die von den USA her täglich über uns hereinrollten, taten wir das mit viel Enthusiasmus...

Nun darf es laut Murphys Gesetz aber nicht sein, dass mal alles ganz glatt verläuft.

So bekamen wir einen Tag vor dem Urlaub einen Anruf von Johns Doktor. John war wegen komischer Wahrnehmungen in der rechten Gesichtshälfte zum Arzt gegangen, und die Laborwerte waren zurück. Die hatten zwar nichts mit Johns komischen Gefühlen zu tun, enthüllten aber, dass er unter einer Erbkrankheit leidet, die jetzt ausgebrochen ist: Haemochromatose. Das ist eine Überladung des Blutes mit Eisen. John sollte sofort nach dem Urlaub zu einem Spezialisten gehen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass keine unmittelbare Lebensgefahr bestand, brachten wir unser Hundeli zur Tierpension und packten unsere Koffer. Aus purer Langeweile guckte ich 20 Minuten vor Verlassen des Hauses noch mal auf die Webseite unseres Reiseagenten, bei dem wir unseren Anschlussflug von Athen nach Kephallonia gebucht hatten, und stellte entsetzt fest, dass sich die Flugzeiten drastisch verändert hatten. Und niemand hatte uns Bescheid gegeben oder – wie üblich – eine Mail geschickt.

Planmässig würden wir wie immer gegen 20 Uhr abends in Athen ankommen und sollten dann um 5 Uhr morgens mit „Olympic Airlines“ auf die Insel fliegen. In diesem Falle hatten wir immer die Nacht in der Stadt verbracht und die frühen Morgenstunden bis zum Abflug im Athener Flughafen. Nun war unsere Anschlussmaschine um 16 Stunden in die Zukunft „verrutscht“, auf 21 Uhr abends. Das bedeutete, dass wir 24 Stunden in dem heissen, hektischen Moloch Athen zubringen und einen Inseltag verlieren würden. Wir konnten nur auf die Reiseversicherung hoffen, und fügten uns in das Schicksal. Dumm war nur, dass nun noch eine zusätzliche Übernachtung in einem Athener Hotel gebucht werden musste, die sicher auch nicht billig war. Und wir hatten doch nur unser genau kalkuliertes Taschengeld zur Verfügung. Wie ich da so in Dublin mit John am Einchecken anstehe und gerade denke, dass wir dann ja wohl das erste Mal in unserem Leben die Kreditkarte beleihen müssten, gab uns der Gott der Gerechtigkeit einen Fingerzeig, dass er auch noch existierte.

John hat so eine Eigenart, alles aufzuheben, was er findet: Alte Lotterielose, Kugelschreiber, Haarspangen, die jemand verloren hatte. Nun bückte er sich gerade wieder, um ein kleingefaltetes grünliches Papier vom Boden aufzuheben; ich maulte schon: „Heb´nicht immer alles auf! Du benimmst Dich wie ein Kleinkind!“ – da stellt sich heraus, es ist ein 100-Dollar-Schein. Und der Besitzer war nicht mehr festzustellen! Das hat uns fast das Hotel bezahlt !!!

Meine obige Theorie von den schlechten ökonomischen Zeiten bestätigend, war der Flughafen mitten im Schlechtwetter-August so erstaunlich leer, dass wir blitzschnell eingecheckt hatten. Der Flug ging diesmal nicht über Italien, sondern die ganze Adriatische Ostküste entlang, über Bosnien, Albanien, Croatien.
Athen war dann auch nicht so schlimm, wie es sein kann, wenn man sich nicht so gut auskennt (wie es uns z.B. beim ersten Mal erging). Das Hotel lag in der Innenstadt, nahe des Omonia-Platzes, und war über einem Restaurant gelegen. Man konnte hier wunderbar das Restaurantleben als Daseinsform erleben und studieren. Wir hatten übrigens gegen Mitternacht ein volles Dinner mit Getränken für zusammen 28,- Euro. Das ist auch in Athen noch möglich. Das Restaurant hatte – wie es hier so üblich ist – bis weit in den Morgen offen. Man isst halt erst, wenn es angenehm kühl ist.
Am nächsten Morgen wurden schon um 8 Uhr die Stühle geräuschvoll wieder auf das Trottoir gesetzt und jeder Vorbeikommende lautstark begrüsst, sodass die gesamte Nachbarschaft keinen Wecker brauchte und unisono wach war.

Wir hatten das Zimmer bis 12 Uhr, was uns die Möglichkeit gab, in der relativen Morgenkühle bis zum Burgberg zu gehen, die Akropolis wieder nicht zu besteigen, dafür sie aber vom Fusse her zu bewundern und das darum liegende Viertel Monastiraki und die Plaka. Dort hatten wir vom letzten Jahr noch unser Stammrestaurant, und die Tatsache, dass wir beide uns vorgenommen hatten, uns nicht durch Ärger den Tag zu verderben, tat das seinige.
Ich konnte das heutige Athen mit meiner Lektüre von Johannes Gaitanides über das Leben im Griechenland der 50er Jahre vergleichen. Es hatte sich wirklich nicht viel verändert: Gaitanides ist mit seinen Beschreibungen von 1958 sehr nahe am heutigen Hellas dran. Eine Sache, die er erwähnt, fiel auch mir auf: Überall geht man auf Marmor. Selbst die schäbigste Strasse, der geringste Platz ist noch mit Marmor aus den verschiedensten Griechischen Gegenden und in den herrlichsten Farben ausgelegt. Und neben dem hochherrschaftlichen Haus kann man ganz leicht eine schäbige verfallene Hütte antreffen. Athen fügt sich in kein Muster. Die Athener selbst sind nicht unbedingt freundlicher, scheinen aber friedfertiger zu sein als beispielsweise die Deutschen.

Auf dem Flugplatz dann hatten wir noch das Vergnügen des „Planespottings“, und entdeckten auch noch eine ganze Museumsausstellung mit Ausgrabungsfunden im Flughafengebäude. So verging die Zeit am Ende doch, und wir konnten „Olympic“ sogar noch ein paar Getränkegutscheine entlocken. Später stellte sich heraus, dass das ganze offenbar eine neue Masche der Airline ist, um Touristen zu zwingen, einen Tag in der Hauptstadt zu verbringen. Wahrscheinlich war nämlich unsere Morgenmaschine pünktlich geflogen, nur hatte man die mit Einheimischen besetzt. Und die Urlauber wurden einfach auf eine zweite, sonst nicht verkehrende Maschine umgeleitet, die erst am späten Abend flog. Dann behauptete man einfach, es sei eine Flugplanänderung eingetreten, und schon hat man dem Athener Tourismus wieder ein paar melkbereite Touri-Kühe zugetrieben. Jedenfalls wurde uns dieser Verdacht von Einheimischen berichtet, und ich habe später auch selber 2 Flüge anstatt dem einen Morgenflug nach und von Kephallonia registriert. (Rückblickend hat uns die Reiseversicherung doch noch 2/3 des Hotelpreises zurückerstattet.)

Nach insgesamt 34 Stunden von Haus zu Haus waren wir dann auf unserer Insel! Tusch!!!
(Ich wollte meinen diesjährigen Bericht eigentlich nennnen: „Unser Urlaub – oder wie man doch besser einen Fallschirm dabeihaben sollte“, denn wir waren ja schon mal beim Flug nach Athen nahe genug herangekommen ...).
Kephallonia war wieder ganz toll, sehr aufregend und extrem schön. Und: Ich war SCHMERZFREI!!! Das fing schon am ersten Abend an und setzte sich auf der Insel fort. Ich habe zwar wegen Johns Schnarchen und der Wärme im Zimmer unterm Sternenhimmel auf der Campingliege auf der Terrasse geschlafen, und dafür haben mich die Mücken gepiesackt, aber das macht man mit - als Tausch gegen gelenkschmerzenfreie Nächte und tiefen, langen Schlaf.

Überhaupt rutsche die Zeit plötzlich zusammen. War es vor einem Jahr oder gestern? Wir fühlten uns, als wären wir nie fort gewesen.
Am ersten Morgen das gewohnte Schauspiel. Die Sonne kraucht über den uns gegenüberliegenden Berg Aínos. Plötzlich ist sie da, mit aller Kraft. Es ist gleich ganz heiss. Die Hunde und Hähne der Morgendämmerung sind längst verstummt. Nun übernehmen die Grillen.
Die Griechen sagen zu einer Zeit wie dieser im Hochsommer „Es regnet Sonne“. Gleich am ersten Morgen brummt die - angeblich erst am Abend fliegende - Morgenmaschine über unser Häuschen – zurück nach Athen

Gleich am Anfang erleben wir kleinere Beben, ein bischen Schütteln, nichts Aufregendes; und die gefürchteten Waldfeuer. Trotz des traurigen Anlasses war es beeindruckend anzusehen, wie die Löschflugzeuge immer wieder zum Meer herunterflogen, dort mit dem „Bauch“ des Flugzeuges Wasser aufnahmen, um dann schwer beladen zum Brandherd zu fliegen und die Wassermassen im richtigen Moment über dem Brandherd abzulassen ... Vom Grundstück unserer Gastgeber in Spartiá hatten wir einen phantastischen Blick auf das Geschehen und sahen halb verschreckt, halb bewundernd, zu.


Aber eigentlich waren wir ja zu drei ganz speziellen, typischen Inselfeierlichkeiten gekommen, die in dieser „Heiligen Woche“ stattfinden sollten. Erstens waren da die Heiligen Schlangen, die Mitte August in der Nähe einer Kirche erscheinen und an einem bestimmten Tag des August dann auch wieder für ein ganzes Jahr verschwinden. Nachdem man mir berichtet hatte, die tourismus- und verkehrsmüden und im Übrigen harmlosen Schlangen werden heutzutage aus ihren Quartieren unter den Steinen herausgeklopft, in Körben gesammelt und in die Kirche getragen, um sie den Gläubigen präsentieren zu können, liessen wir das sein.
Wenigstens hatten wir das Erlebnis farbenprächtiger Orthodoxer Gottesdienste an verschiedenen Stellen auf der Insel.

Dann war da das höchste Fest des Inselhheiligen, des Hl. Gerasimos. Ich hatte schon – aus Büchern, Filmberichten und Augenzeugenberichten herrührend – mit Tausenden von Menschen im Tal des entsprechenden Klosters gerechnet, nicht aber hatte ich mit einem den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch gehenden Markt gerechnet, der so gross war, dass ein ganzes Feld dafür herhalten musste, und auf dem man einfach alles kaufen konnte: Töpfe und Pfannen, Haustiere und Tischdecken, Büstenhalter und Schlüpfer, Werkzeuge und Handtaschen, Eiskrem und Gegrilltes, auch irgendwo dann Kerzen und Heiligenbilder und Devotionalien, aber auch wieder Sägen und Schnellkochtöpfe, Haken und Hämmer und Kuhglocken und Körbe und Kittelschürzen und ... und ... und ... .
Verständlich wird das nur vor dem Hintergrund, dass dieses Fest für viele in den Dörfern und abgelegener lebende Menschen die einzige Gelegenheit war - und auch noch heute ist -, mal wirklich aus der täglichen Routine herauszukommen und das Nötige zu kaufen.

Familien übernachteten in den Feldern ringsum, ganze Schweine drehten sich am Spiess; Zigeunerkinder, braun wie Schokolade, tummelten sich in der Menge. Die ersten reihten sich schon um 6 Uhr abends in die Reihe der Wartenden. Um Mitternacht würde die Kirche geöffnet werden, und am nächsten Morgen würde der Heilige in seinem gläsernen Sarkophag herausgetragen werden, und die Prozession würde von Tausenden dazu genutzt, um Heilung zu bitten. Das betraf speziell Menschen mit intellektuellen Behinderungen, aber auch Blinde, anderweitig Kranke. Viele würden sich der Prozession in den Weg legen, sodass der Heilige über sie hinweggetragen würde. So lange wollten wir aber nicht warten; es würde sicher ein Erlebnis sein, aber auch eine erschöpfende Erfahrung.
Auch so haben wir einen bleibenden Eindruck von diesem bedeutendsten Fest im Inselkalender bekommen. Und ich habe ein lustig bimmelndes Schafsglöckchen sowie für meine Sammlung ein weiteres Komboloi erstanden – eine eigentlich den Männern vorbehaltene Perlenkette zum Gebet (und zum allgemeinen Zeitvertreib).

Die dritte Sache war die jedes Jahr gefeierte Nacht des Augustvollmonds, wo jeder an den Strand kommt, Essen und Trinken mitbringt und man sich gegenseitig einlädt.
Ich hatte mir dieses Jahr vorgenommen, nicht mit leeren Händen zum Vollmond zu kommen.
Nur: Vollmond? Reinfall!!! Weil: Partielle Mondfinsternis! Der Mond war zwei Stunden lang eine nur sehr unzureichende Abbildung seiner selbst; die Leute müssen das – im Gegensatz zu mir - gewusst haben, denn nur wenige kamen. Dafür ist meine selbstgebackene Griechische Spinatrolle bei den wenigen Eisernen doch sehr gut angekommen, und noch Tage später hielten mich Frauen auf dem Dorfplatz an, um mich für die köstliche „Spanakopita“ zu loben. Da war ich mächtig stolz!

Das Autofahren habe auch ich sehr genossen; nun kannte man ja die Strassen und die „Stolpersteine“, die Schleichwege und die verborgenen Ecken, wo sonst keiner hinkommt ...

Und zwischendurch immer meine Nächte auf der Terrasse; mit dem Mond im Blick und den blinkenden Dörfern, die sich auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht an den Aínos schmiegen.
Schade eigentlich, dass ich in jedem Jahr immer nur einen Ausschnitt vom Inselleben auf Kephallonia erlebe, und dazu noch immer fast den gleichen. Wenn es auch diesmal die Heilige Woche war.

Deshalb waren wir auch sehr dankbar, dass ein bestimmter Mensch für uns Zeit hatte, der in dieser Zeit speziell sehr beschäftigt ist, und das war Herr Kosmetatos. Er ist ein Kephallonier von bescheidenem Auftreten, aus einer sehr reichen Familie und sicher selber sehr reich, der u.a. längere Zeit in England gelebt hat. Er ist, was man einen Mäzen nennen würde; jemand, der sein Geld in eine Stiftung gesteckt hat und damit etwas auf die Beine gestellt hat, um die Geschichte, Traditionen und Flora seiner Insel zu bewahren und Menschen zugänglich zu machen. Die Stiftung unterhält zwei Museen und einen Botanischen Garten in Argostóli, kümmert sich um Kinderbibliothekswesen, interaktives Lernen für Kinder, Ausstellungen, Veranstaltungen, Foto- und andere Archive.

Ihm gehört eine Hälfte des einzigen Hauses in Argostoli, das noch von der Zeit vor dem grossen Erdbeben 1953 erhalten geblieben und in dem er aufgewachsen ist. Er hat diese seine Hälfte restauriert und so ausgestattet, wie es damals gewesen sein muss. Dabei kommen auch die vielen Kunst- und Kultureinflüsse seiner Vorfahren mit ins Spiel, die es in vergangenen Jahrhunderten in alle Welt verschlagen hatte. Entsprechend weltläufig lernten wir Herrn Kosmetatos an diesem heissen Vormittag kennen. Er zeigte uns mit Ruhe und Detailkenntnis jeden einzelnen Raum im Haus. Ich muss sagen, das Haus war unerwartet gross – auch wenn es nur eine Hälfte darstellte -, und unerwartet luxuriös eingerichtet. An den Decken waren wunderschöne Deckengemälde nachempfunden worden. Eines erinnerte speziell an den Stil Schinkels. Als ich das erwähnte, zeigte sich Kosmetatos als Kenner der Berliner Architektur und des Neoklassizismus im Allgemeinen und – erwähnend, er sei gerade vor Kurzem in Berlin gewesen – wollte interessiert wissen, was ich denn vom Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses hielte. Wir vertraten zwar nicht die gleiche Meinung, aber es ergaben sich weitere interessante Gesprächsstodffe, und am Ende landeten wir bei der Stasi-Problematik und dem Film „Das Leben der Anderen“, den wir beide wohl erst vor kurzem gesehen hatten.
Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis, das Haus und im Keller das Archiv zu sehen (wie wir auch schon zuvor im Museum der Stiftung die Dinge des täglichen Lebens, Haushaltsgegenstände, Möbel und Lebensweise der mehr betuchten Einwohner Argostólis im vorigen Jahrhundert studieren konnten), aber besonders beeindruckte mich der Mann selber.

Eine andere bemerkenswerte Begegnung hatten wir in Lixoúri, der „Hauptstadt“ der zu Kephallonia gehörenden Palikí-Halbinsel, die seit Generationen mit Argostóli, der wirklichen (neuzeitlichen) Hauptstadt, in Konkurrenz liegt. Wir entschlossen uns, auf dem grossen Hauptplatz, der Plateia, ein einem der vielen Restaurants etwas zu esssen. Es ist jener grosse Platz am Hafen, in dessen Mittelpunkt ein riesiger, ausladender Gummibaum steht.
Der Wirt liess sich viel Zeit und begann ein Schwätzchen. Zwischendurch stimmte er ein Lied von Mikis Theodorakis an. Bisher war mir Theodorakis, der grosse Griechische Komponist, immer als ein berühmter Kreter bekannt gewesen, und auch seine Art Volksmusik wird nicht eigentlich in diesem Teil Griechenlands wirklich gepflegt – es sei denn, vom Band und für die Touristen. Ich fragte also, wieso er die Musik des Kreters singe. Darauf erwiderte er, Theodorakis sei ja überall in Griechenland zuhause gewesen (was stimmte), und habe in seiner Kindheit auch für eine Weile in Lixoúri gelebt, da sein Vater (und damit drehte er sich um und wies auf ein Gebäude) in dieser Bank Direktor gewesen sei. Diese Geste war so geartet, dass es einem erschien, der Mann erzähle von etwas, was er gerade erst gestern erlebt habe, und im Geiste sah ich den Jungen Mikis über den Platz schlendern und zur Schule gehen.



Als ich wieder zuhause war, forschte ich im Internet auf Theodorakis´ Webseite nach. Der pfiffige Wirt hatte die Geschichte zu seinen Gunsten verdreht: Theodorakis´ Vater, der eine Art Beamtenstellung hatte, musste wirklich mit seiner Familie oft den Wohnort wechseln. Aber für die Zeit auf Kephallonia konnte ich keinen Hinweis auf Lixoúri finden. In Wirklichkeit hatte die Familie in Argostóli Wohnsitz bezogen. Da hatte der schlaue Wirt also in schöner Tradition versucht, die „Konkurrenz“ auszustechen und die Ehre für seine Heimatstadt einzuheimsen – und er dachte, die blöden Touristen würden es nicht merken ...

Unbedingt erwähnen muss ich diesmal den beerühmten Mirtos Strand. Ich glaube, es ist der berühmteste Strand in Griechenland, so oft erscheint er in Reiseprospekten und Touristenführern – oftmals als der griechische Traumstrand schlechthin. Als hätte ich nicht schon von früheren Reisen her um die traumhaften Farben des Wassers um Mirtos herum gewusst – in diesem Jahr waren sie noch intensiver, noch blauer, noch tiefer ...
Wie soll man es beschreiben? Ich glaube, am besten, indem man sich Milch vorstellt, in die Tinte gegossen wurde, das Ganze aber gleichzeitig glasklar und durchsichtig. Es ist so unwirklich, dass man es eigentlich nur empfinden kann, nicht aber beschreiben. Wenn man im Wasser ist, ist man auch in der Farbe; ganz eingehüllt. Die grellblau-grellweiss schäumende Gischt um einen herum an diesem Strand lässt auch von der Gefährlichkeit ahnen: Es geht schnell tief hinein, und es gibt starke Unterströmungen. Auf der anderen Seite besteht der Strand selber aus fast weissem Sand und weissen Steinen. Nach einer halben Stunde mussten wir gehen, sonst wären wir im Flimmern des Lichtes, in der Reflexion der Farben verrückt geworden. Es ist ein seltsame Schönheit; eine, die ich nur für kurze Zeit ertragen kann...

Unser Urlaub ging zu Ende mit einem Gartenkonzert, kombiniert mit Bilderausstellung der Aquarelle einer unserer Gastgeberinnen. Wir lernten die Schweizerin Ursina kennen und trafen deren Freundin Alexa, die beide aus Patras kamen, letztere aber ursprünglich aus Leipzig stammt. Kleine Welt!


Was sonst noch so passierte:

Wir trafen bei unseren Freunden die lustige Dackelhündin Raja; fanden unsere Katzenmutter von vorigem Jahr bei der Hütte wieder vor, mit ihr zwei ihrer Katzentöchter vom letzten Jahr; beobachteten Ameisen beim Katzen-Brekkie-Transport (frei nach dem Motto: Vier Mann – vier Ecken).
Wir lernten, dass im Griechischen an Namen das –s angehängt wird, wenn man über eine Person spricht (z.B. über „Theodoraki-s“), aber selbiges weggelassen wird, wenn man die Person selber anspricht.
Wir lernten die Spritzgurke kennen; eine Pflanze mit Früchten wie Miniatur-Wassermelonen, die dann aber trocken werden und aufplatzen. Dabei verspritzen sie ihre Samen.
Wir besuchten den armen welschen Thornton, der so gerne wieder nach Wales in den Regen gehen möchte, aber aus familiären Gründen sein kleines Restaurant mit Tante-Emma-Laden in traumhafter Umgebung unter der Platane und gleich neben dem dörflichen Waschhaus mit stoischer Gleichmut weiterführen muss. Wie gerne würde ich mit ihm tauschen ... und er mit mir ...

Ich bedaure, noch nicht für wenigstens ein Jahr auf dieser Insel leben zu können. Eigentlich habe ich sie bisher nur von aussen wahrgenommen. Und doch glaube ich, dass sich mir hier etwas öffnet und erschliesst. Eine Woche Zeit ist keine Zeit. Ich möchte den Herbst erleben, den Regen, den Winter, die Blüten des Frühlings ...
Wenigstens flogen wir beim Start weg aus Kephallonia in den Sonnenaufgang, und konnten nochmal unser Spartiá, unsere Bucht und den ganzen stolzen Mt. Aínos sehen.


In Athen hatten wir wieder einen Tag; die Maschine nach Dublin ging erst am Abend. Wir gingen wieder in die Stadt, zu unserem Stammrestaurant, in unsere Stammgeschäfte, zu den Soldaten in ihren wollenen Fustánellas und Bommelschuhen in der Gluthitze vor dem Parlamentsgebäude, in den Botanischen Garten. Überall liegen dicke hechelnde Hunde, aber diesmal fiel mir auf, dass sie alle nicht nur wohlgenährt bzw. sogar überernährt sind, sondern dass sie auch (fast) alle ein Halsband haben und sogar Adressenanhänger dran. Trotzdem leben sie auf der Strasse, in den Fussgängerzonen und in schattigen Aufgängen, auch in Ausgrabungsstätten oder an Touriestenschwerpunkten. Sie schauen höchstens mal müde auf, wenn du sie ansprichst.


Mein Hundeli hatte ich allerdings sehr vermisst, aber die hatte eine tolle Zeit in der Tierpension; da sind wirklich alle sehr lieb und die Hunde haben Auslauf und können in Gruppen spielen. Sie sieht jedesmal richtig erholt aus, wenn ich sie abhole, und im Auto benimmt sie sich, als wollte sie mir so viel von ihren Erlebnissen erzählen! Sie macht laute, fast sprechende Geräusche und schaut mir tief in die Augen, als wolle sie fragen: „Verstehst Du denn auch, wovon ich Dir hier alles berichte?“

Dann kam noch ein kleines Intermezzo, ein paar Wochen später, das mir sehr gut getan hat und John offenbar auch. Wir hatten drei Tage in Friedrichshagen, aus denen wir eine gefühlte Woche machten, so viel konnten wir in die kurze Zeit hineinpacken, ohne in Stress zu geraten.
Ich liebe Friedrichshagen – ich liebe die Muster, die dieser Ort auf der Seele der Menschen macht. Ich hatte aber – wie immer – schon am zweiten Tag wieder Heimweh nach Irland oder Griechenland, denn die Menschen in Berlin waren insgesamt zu verbissen und miesepetrig. Das bezieht sich natürlich nicht auf unsere Freunde, und deren Umfeld, aber die sprichwörtliche Frau und der Mann auf der Strasse sind wirklich so spürbar mies drauf, - das merkt man wahrscheinlich erst, wenn man lange in anderer Umgebung lebt.
Das sagt aber auch etwas (Positives) über Irland aus, über das ich mich ja auch schon so oft beklage: Offenbar haben uns die krassen gesellschafftlichen Veränderungen, die ich beobachte, noch nicht die positive Grundeinstellung („Das Glas ist immer halb voll!“) gekostet. Aber das ist sicher auch nur eine Frage der Zeit; man sehe nur in die Morgengesichter der Leute, die sich jeden Tag nach Dublin in die Tretmühle begeben müssen, um ihren ökonomischen Zwängen nachkommen zu können. (Darüber werde ich aber mal ausführlich an anderer Stelle schreiben.) Deren Gesichter sind teilweise auch schon zur Faust geballt ...

Als wir von Berlin zurück waren, war auch endlich der Arzttermin für John heran, und das Ergebnis vom genetischen Test war auch da. John hat definitiv Haemochromatose, also einen sehr stark überhöhten Anteil an Eisen im Blut. Es ist erblich, und erstaunlicherweise sind die Keltischen Stämme zehnmal höher davon betroffen als der Rest von Europa.
Daher erklärt sich auch die schnelle Bräunung der Haut: Haemochromatose-Kranke leiden meist unter einer bronzenen Hautverfärbung. Von wegen Frühlingssonne ...
Nun ist Diät angesagt, und für mindestens 6 Monate (bis zu einem Jahr) muss er jede Woche zum Aderlass. Jedesmal wird ein Pint (1/2 liter) Blut entnommen; andere Formen von Pints in Form von Bier müssen (leider!??) vermieden werden. Unser Haus ist jetzt ein Hort gesundester Lebensweise.
Nach Normalisierung der Werte muss er lebenslang drei- bis viermal jährlich zum Aderlass. Alle Geschwister und deren Kinder müssen jetzt ebenfalls untersucht werden, ob sie die beiden schadhaften Gene von Vater und Mutter geerbt haben oder aber eines der Gene transportieren ...

Mir selber geht es im Moment ganz gut. Kephallonia wirkt nach. Noch sind die massiven Schmerzen im rechten Bein nicht zurückgekehrt, „nur“ die normalen Schmerzen in den Gelenken. Überdies habe ich durch die progresssive Nervenschädigung jetzt auch noch stark unter RLS (restless leg syndrom) zu leiden.
Aber auf der positiven Seite habe ich durch eine Freundin ein Homöopathisches Mittel empfohlen bekommen, das gut beim Schlafen hilft und – natürlich – keine Nebenwirkungen hat. Damit lässt sich auch das RLS ganz gut „wegstecken“. Vor dem Mittel konnte ich so gut wie gar nicht mehr Schlaf finden. Entweder ich war wach wegen der Schmerzen, oder ich war schliesslich übermüdet und entspannte mich langsam, und dann setze das RLS ein und hielt mich wieder wach – ein Teufelskreis ...

Mein Geburtstagsgeschenk von John – mein neuer PC – ist nun auch hier, und ich pfitzele mich langsam ein. Dann ist bald Halloween – die Knallerei hat schon Ende September angefangen - , und für den Markt mache ich z.Zt. Halloween-Leinenbeutel. Dann kommt das Weihnachtsgeschäft, und ab und zu die eine oder andere Holistische Messe mit Kartenlegen. Und so legen wir langsam wieder Taschengeld an für den nächsten Urlaub ...

Im Moment herrscht kühles, aber meist sonniges Oktoberwetter; es gibt Nachts schon Grasfrost, aber auch Himbeeren reifen noch in den Sträuchern; und drinnen in meinem Griechischen Sonnenraum streckt mir die Prachtwinde noch täglich neu erblühte Trompeten entgegen.

Dieser Winter wird spannnend; mit den steigenden Preisen und der Rezession – aber ich versuche gemeinsam mit John die Herausforderung zu sehen, die kreative Seite zu aktivieren und optimistisch zu bleiben. John hat schon wieder massig Feuerholz für den Kamin zusammengetragen; Äste von Baumschnitten, die einfach weggeworfen wurden. Wie lange wird das noch so gehen, bis wir auf der Strasse wieder Kohlen aufheben?

In diesem Sinne wünsche ich allen, die das hier lesen, einen warmen Ofen in diesem bevorstehenden Winter.
Es würde mich freuen, wenn die Lektüre dieses Berichtes Spass gemacht hat.

Bis demnächst grüssen ganz herzlich

Eure Freunde

Marina und John,
und Hündin Sioux wedelt dazu
8.10.08 14:45


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