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Ein verrücktes Wochenende oder: Vom Geben und Nehmen


Ein Tempelhofer Kriminalbeamter sagte vor etwa 20 Jahren mal, nachdem er mich in einer Sache als Zeugin vernommen hatte, „Mit Ihnen möchte ick aber ooch mal im Schleuderjang nach Mallorca!“ Nachdem er mir fünf Minuten später auf meine verblüffte Reaktion hin versichert hatte, daß er schwul sei, konnte ich die Mallorca-Bemerkung als Kompliment nehmen.



Einzig die Sache mit dem Schleudergang ging mir nicht aus dem Kopf, und bis heute fällt mir diese Bemerkung hin und wieder ein und läßt mich über deren Bedeutung nachsinnen.

Nun, dieses Nachsinnen hat jetzt ein Ende, denn ich habe das verrückteste, schönste, traurigste, erschöpfendste, glücklichste verlängerte Wochenende erlebt, und dessen einer und verrückteste Teil bestand in einem 24-Stunden-Trip in meine alte Heimat – im Schleudergang. Als Vorbemerkung noch dieses: Ich glaube jetzt wieder, daß alles irgendwie möglich ist.

Obwohl ich ja selber Tarotkarten lege (oder gerade deshalb, weil ich es tu), glaube ich nicht an Zeitungshoroskope. Nur durch Zufall und aus Jux las ich mein Wochenhoroskop, welches sagte: vergessen Sie alle Pläne für diese Woche; alles kommt ganz anders und gänzlich unerwartet.



An fing es dann am Freitag nachmittag, als mich eine hier nicht näher zu bezeichnende Verwandte von John auf offener Straße beschimpfte. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, daß Johns Mutter derzeit zuhause an Krebs stirbt und sich die Familie – wie das immer so bei Erbsachen ist – nun in den wahren Farben zeigt. Schließlich geht es ja ans Eingemachte, und Schuldgefühle über die eigene Gier lassen sich doch so gut auf andere abwälzen ... . Ich will das hier nicht länger auswalzen, aber irgendwie war ich ganz schön ´runter.



Da kam unser Freund und Nachbar Pat des Weges und fragte, ob er eine gemeinsame Freundin in einem Berliner Krankenhaus besuchen könne und ich ihm die Adresse und Wegbeschreibung geben könnte. Man muß wissen, daß Pat sein halbes Leben bei Aer Lingus gearbeitet hat und daher frei fliegt. Und er kam auf die Idee, Berlin noch nie gesehen zu haben und einfach mal ´rüberzurutschen. Stand-by-Plätze seien vorhanden, und bei der Gelegenheit könne er doch gleich mal bei besagter Freundin einen Strauß Blumen abliefern ... Natürlich brachte das erst ein begeistertes, dann aber ein eifersüchtiges Glimmen in meine Augen: MEIN irischer Nachbar, in MEINEM Berlin, und ich soll hier rumsitzen? „Na dann komm doch einfach mit!“ war seine Antwort. Naja, warum nicht, wenn er das organisieren kann ... Wir fragten natürlich auch Pats Frau und John, aber die wollten oder konnten nicht so spontan sein. Da sind dann eben nur wir beide los ...

Ich habe noch einen Scheidebecher im Alverno genommen und John seine Verblüffung ausgeredet und bin dann nach Hause.



Um vier sollte es losgehen, um zwei konnte ich endlich schlafen, um drei Uhr morgens wummerte Pat an meiner Haustür. Als ich endlich wach war, meinte er nur: Na los geht es ja auch um vier, aber Ihr Frauen braucht doch immer so lange. Hej, ich nahm nicht mal eine Jacke mit, grapschte nur meinen kleinen Stadtrucksack und meinen Paß, und fertig. Pat auf der anderen Seite wuchtete eine Reisetasche in sein Auto, die von den Maßen her gerade noch so als Handgepäck durchging. Soviel zu Allgemeinplätzen, Vorurteilen (DIE Männer, DIE Frauen, DIE Blondinen ... (hihi)...) und Loriot.

Um fünf waren wir am Schalter, um sieben im Flugzeug, um elf (Ortszeit Berlin zwölf Uhr mittags) in Schönefeld. Sohnemann wußte Bescheid, sonst keiner.



Es folgten: Besuch bei einer total verblüfften (und endlich mal unvorbereiteten) Mutter, Treffen mit Sohnemann, Mittagessen in Friedrichshagen, Anruf bei Freund Burckhard und Verabredung für den Abend im Stammlokal, denselben das erste Mal sprachlos erlebt, Hotelzimmersuche für Pat, mit dem Auto nach Zehlendorf, dabei die Stadtautobahn intensiv studiert, die kranke Freundin sprachlos gemacht, wunderschönen Sonnenschein genossen, zurück nach Köpenick, Solarboote geguckt, In die „Alte Laterne“ eingekehrt, frisch geräucherten Fisch genossen, Burckhard und Freundin Antja getroffen, falschen und „echten“ Hauptmann gesehen, Spaß, Spaß, Spaß gehabt, im Ratskeller Jazz gehört und beschlossen, im September mit Pats Frau und John wiederzukommen und mehr Jazz zu hören. Als ich und Antja schon lange in unseren Kojen lagen, sind die Jungs dann noch weiter um die Häuser gezogen, haben Pickelhauben und falsche Musketen studiert sowie das einheimische Bier, und irgendwann waren wir alle irgendwie tot.



Mein Tod dauerte genau zwei Stunden, denn mit dem ersten fahlen Mittsommerlicht meinte ein Kuckuck vor meines Sohnes Fenster, es nicht mehr auszuhalten und unbedingt kuckucken zu müssen. Klaro, der hat ja keine Kinderkehlen zu füttern ... Das im selben Raum mit mir schlafende (?) Kaninchen schien sich mit dem Kuckuck verabredet zu haben, denn es fing nun an, mit seiner Freßschale im Käfig herumzuwerfen und dann jeweils mit kessem Blick auf mich herab die Wirkung dieses Treibens auf den menschlichen Schlaf zu beobachten. Eins plus zwei macht drei, drei Stunden Schlaf in zwei Nächten, nicht schlecht! dachte ich und machte mich um sieben Uhr morgens auf den Weg in Pats Hotel.



Meine sprichwörtliche Ausdauer führte dann zur Erweckung eines weiteren Lazarus, und ungefährt drei Eimer voll Kaffee später war dieser auch wieder ganz unter den Lebenden. Um halb neun machten wir uns in die Spur, und um elf saßen wir wieder im „Flieger“. Um zwölf Ortszeit waren wir in Dublin, und den Nachmittag verbrachte ich mit John in der Sonne von Laytown, während es in Berlin kühl war und Strippen regnete...

Ich stellte fest, daß ich den Ausflug unserer ersten Meisenbrut verpaßt hatte, die - wie für den Empfang - in den den Garten umgebenden Bäumen saßen und fröhlich zwitscherten.



In dieser Nacht bekam ich etwas Schlaf und wachte Montagmorgen, einem Feiertag bei uns, frisch und tatenkräftig auf. Nun hatte ich zwar nicht – wie geplant – mir am Sonnabend ein neues Fahrrad gekauft und auch nicht die dreitägige Kunstmesse am Sonntag besucht, aber ich beschloß, meiner alten Klapperkiste einen letzten schönen Ausflug zu gönnen, bevor sie in den Fahrradhimmel gehen konnte. So schwang ich mich also auf das Gerät und ritt gen Drogheda und dann zur einige Meilen außerhalb gelegenen Kunstmesse. Die Sonne schien wieder, ich traf eine Menge Künstler, bekam anerkennende und hilfreiche Worte für mein mitgebrachtes Portfolio, traf auch einige alte Freunde, und fuhr glücklich und nun doch sehr erschöpft heim. Aber Ruhe wollte und sollte nicht einkehren. An der Haustür stand Pat, der es sich mit John, mir und einigen „Guinness´“ in meiner Garage – dem griechischen Sonnenraum – gemütlich machen und den Berlin-Trip auswerten wollte. Ich habe das weitgehend den Männern überlassen und mich auf meine Gartenarbeit und das Blumengießen konzentriert.



John war am Morgen bei seiner Mutter gewesen, der es deutlich schlechter ging, und wollte nun am Abend nochmal vorbeischauen. Pat war irgendwann auch gegangen, und ich ging ´rüber um zu sehen, wie es Johns Mutter geht. Es sah sehr schlecht aus, und John litt sichtlich an der Situation. Da habe ich ihn kurzentschlossen ins Bett geschickt und bei seiner Mutter Nachwache bis zum nächsten Morgen neun Uhr gehalten. Sie erzählte eigentlich fast dauernd, immer Dinge aus ihrem Leben, und schlief nur immer mal ein paar Minuten. Ich fand es wichtig, da zu sein, ihre Hand zu halten und etwas für sie tun zu können. Es muß schlimm sein, in anonymen Krankenhäusern seine letzten Tage zu verbringen ... .



Okay, den nächsten Tag also war ich so müde wie ein Rudel junger Hunde, konnte mich aber nicht hinlegen, weil ich am nachmittag etwas zu tun hatte. Das war gestern, und heute nun, am Mittwoch, ist nach langem Schlaf seit langer Zeit mal wieder ein normaler Tag.

Trotzdem steht uns jetzt eine schwierige, traurige und sehr geschäftige Zeit bevor. Und nächstes Wochenende heiratet Johns Nichte, mit der ganzen Familie drumherum, alles in allem etwa 150 Personen. Das wird das erste mal ohne Johns Mutter sein.



Das wird wieder aufregend, schön, traurig und ermüdend. Aber ich habe ja dieses Wochenende einen Härtetest bestanden. Was kann mir da noch passieren ...

14.6.05 18:48
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


solarius / Website (13.6.05 04:00)
Meine liebe Marina,

warum hast Du mich über Pats Trinkverhalten und sein Standhaftigkeit nicht vorgewarnt? Nicht NUR Kreutberger Nächte sind lang - Köpenicker auch! MIR ging es am darauffolgenden Sonntag ziemlich mies: "Eins von den dreißig Bierchen war wohl schlecht!" :-)

Ich war die letzeten drei Tage mit Inka, der Münsterländer-Hündin, gut 80 km mit dem Rad unterwegs. Am Freitag vom S-Bahnhof Köpenick, die Wuhle lang bis Hellersdorf- wenn man nicht ab und zu über 'ne Straße muß, glaubt man gar nicht in 'ner Großstadt zu sein!

Fotos geh'n Dir noch per Emil zu!

Kleiner Hinweis: Mit 'n paar Absätzen lesen sich Artikel leichter!

Beste Grüße aus Köpenick

Burckhard

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